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Lesegottesdienst für den 6. Sonntag der Passionszeit - Palmarum
(5. April 2020)

 

Wochenspruch

Der Menschensohn muss erhöht werden, auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.
Johannes 3,14b.15

 

Der Gottesdienst

Eingangslied EG 592,1-6 Du schenkst uns Zeit

 

Eingangswort:

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Der Herr sei mit uns.

Palmsonntag feiern wir leise.
Das Evangelium des Sonntags erzählt zwar von den lauten Jubelrufen beim Einzug Jesu in Jerusalem.
Doch das Predigtwort aus dem Markusevangelium erzählt eine leise Geschichte - wie sie zu diesen Zeiten passt:
Jesus, der sonst auf die Menschen zugeht, sie berührt und ihnen Gutes tut, erfährt in dieser Geschichte selbst etwas. Berührung gehört zum Evangelium.
Herr, wir bitten: Komm und segne uns; lege auf uns deinen Frieden. Segnend halte Hände über uns. Rühr uns an mit deiner Kraft.
Amen.

 

Gebet

Jesus Christus, König und Herr,
auf einem Esel ziehst du bei uns ein.
Umjubelt und verspottet,
gefeiert und verstoßen gehst du den Weg des Lebens.
Hilf uns, deinen Weg zu verstehen,
deinen Frieden zu spüren und
deine Herrlichkeit zu schauen,
jetzt und in Ewigkeit.[1]

 

Epistel: Philipper 2,5-11

Seid so unter euch gesinnt, wie es der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht: Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.

 

Evangelium: Johannes 12,12-19 - Der Einzug in Jerusalem

Als am nächsten Tag die große Menge, die aufs Fest gekommen war, hörte, dass Jesus nach Jerusalem kommen werde, nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und schrien: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn, der König von Israel! Jesus aber fand einen jungen Esel und setzte sich darauf, wie geschrieben steht (Sacharja 9,9): »Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.« Das verstanden seine Jünger zuerst nicht; doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran, dass dies von ihm geschrieben stand und man so an ihm getan hatte. Die Menge aber, die bei ihm war, als er Lazarus aus dem Grabe rief und von den Toten auferweckte, bezeugte die Tat. Darum ging ihm auch die Menge entgegen, weil sie hörte, er habe dieses Zeichen getan. Die Pharisäer aber sprachen untereinander: Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach.

 

Evtl. Apostolisches Glaubensbekenntnis (EG Seite 1150)

Wochenlied EG 91,1-3.7.8 Herr, stärke mich dein Leiden zu bedenken

 

Predigtwort - Markus 14, 3-9

Als Jesus in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt.
Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls?
Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an.
Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan.
Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit.
Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis.
Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.

Herr, segne dein Wort an uns durch deinen Heiligen Geist. Amen.

 

Predigt

I.
Was für eine Geschichte in diesen Zeiten. Eine Geschichte von Berührung und Nähe in Zeiten von Kontaktbeschränkungen und Mahnung zum Abstandhalten. In Zeiten von „Corona“ wird die körperliche Zuwendung weniger, muss weniger werden, wenn die schnelle Verbreitung verlangsamt werden soll. Das versteht man – mit dem Kopf. Trotzdem ist es schwer: wenn man nicht mehr von den Kindern in den Arm genommen werden kann, weil die Besuche im Pflegeheim so eingeschränkt sind; wenn man nicht mehr den kranken Vater auf der Intensivstation besuchen kann; wenn selbst Seelsorger und Seelsorgerinnen aus Verantwortung gegenüber dem Pflegepersonal keine Besuche mehr machen von Station zu Station.

Zuwendung, körperliche Zuwendung ist so lebensnotwendig. So erzählt es der Dichter Rainer Maria Rilke[2]: Er wohnte in Paris bei einer Freundin. Jeden Tag gingen sie in ein Café in die Stadt. Jedes Mal kamen sie an einer älteren Frau vorbei, die an der Straße saß und darauf wartete, dass die Vorbeigehenden ihr ein Geldstück in die kleine Schachtel vor ihr warfen. Viele gaben etwas, Rilke aber nicht. Eines Tages fragte ihn seine Bekannte, warum er denn der Frau nie etwas gab. Rilke gab zur Antwort: Wir müssen ihrem Herzen schenken, nicht ihrer Hand. Am nächsten Tag, als die beiden wieder bei der Bettlerin vorbeikamen, legte Rilke eine kleine weiße Rose vor die alte Frau und wollte weitergehen. Da blickte die Bettlerin auf, roch an der aufgeblühten Rose, sah den Geber, erhob sich mühsam von der Erde, tastete nach der Hand des fremden Mannes, küsste sie und ging mit der Rose davon. Am nächsten Tag war die alte Frau nicht an ihrem Platz, auch am übernächsten Tag nicht. Erst nach ungefähr einer Woche saß die Bettlerin wieder an ihrem alten Platz. Die Bekannte fragte Rilke: „Wovon hat denn die alte Frau die ganze Zeit gelebt?“ Und Rilke antwortete: „Von der Rose!“

II.
Menschen brauchen Zuwendung. Auch der Mensch Jesus. Eine Frau unterbricht einfach die Gesellschaft bei Tisch, tritt an den Gast Jesus heran und gießt kostbarstes Öl über Jesu Haar. – Eigentlich eine wunderbare Zuwendung. Doch sofort entsteht Unwillen, zunächst über diese Tat und dann über die Frau, die dies getan hat. Ich kann die anderen Gäste gut verstehen. Nicht nur, dass diese Frau das schöne Alabastergefäß zerbricht, sondern auch, dass sie den Inhalt vollständig auf Jesu Kopf gießt. Der Wert des Nardenöls macht den Jahreslohn eines einfachen Arbeiters aus. Jeder rationale Mensch, hätte diese Verschwendung wohl angeprangert: „Woanders hungern die Menschen und diese Frau wirft das Geld sinnlos zum Fenster raus.“  Doch Jesus unterbricht die Schimpfenden. Er zeigt uns, warum die Frau mit dem Öl ein gutes Werk getan hat. Jesus gibt drei Begründungen.

Erstens ist es ein gutes Werk, weil die Frau den richtigen Zeitpunkt erahnt und genutzt hat.
Die Armen habt ihr immer bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun, mich aber habt ihr nicht allezeit. Die Frau hat offensichtlich verstanden: Jetzt ist der Zeitpunkt, um an Jesus zu handeln. Sie schiebt ihre Tat nicht auf die lange Bank, sondern handelt, wo es nötig ist.
Das ist das Wunderbare in diesen Zeiten: Dass Menschen erkennen, was nötig ist und sich nicht – wie vielleicht sonst – aus Angst vor Kritik und Bedenkenträgern davon abhalten lassen. Politische Entscheidungen und Hilfsmaßnahmen gehen so schnell wie nie durch die Gremien; Kirchengemeinden gehen „online“, auch wenn nicht alles dabei „Topqualität“ und bis ins Letzte ausgereift ist; Menschen singen von Balkonen ihren Nachbarn Mut zu – auch ohne Gesangsausbildung; und endlich kann man auch wieder Freunde einfach so anrufen ohne zu denken: „Die sind eh nicht da!“ oder: „Hoffentlich störe ich nicht.“ Jetzt ist die Zeit, zu tun, was dran ist. Die namenlose Frau tut, was jetzt dran ist: Jesus zu salben. Jesus ist ihr wichtig und ihm will sie jetzt Gutes tun.

Die zweite Begründung ist in einer Nebenbemerkung Jesu versteckt: Sie hat getan, was sie konnte!
Ja, was konnte sie denn? Sie war – so erzählen es die anderen Evangelien – eine Prostituierte. Körperliche Nähe war ihr Geschäft. Und ihre Tat an Jesus ist eine ganz innige, ja fast intime Begegnung. Jesus am Haupt berühren, sein Haar mit dem kostbaren Öl begießen, das drückt außergewöhnliche Nähe und Zuwendung aus. Vielleicht weiß sie sonst keine andere Möglichkeit, Jesus etwas Gutes zu tun. Und Jesus lässt es geschehen.
Mir macht das Mut: Jesus verlangt nichts von mir, was meine Möglichkeiten übersteigt. Vielleicht verlangen dies Menschen von mir, doch Jesus weiß um meine Grenzen und will mich nicht überfordern.
Ein italienischer Bischof hat kürzlich per Videobotschaft den Menschen, die in den Krankenhäusern jetzt arbeiten, einen Auftrag gegeben: „Wenn ihr könnt, dann zeichnet den Sterbenden ein Kreuz auf die Stirn.“ Er hat dabei an gläubige Ärztinnen und Pfleger gedacht. Ob sie es tun? Ob sie sich das trauen?
Im Evangelium heißt es, dass die Frau echtes, unverfälschtes Öl dabeihatte. Echtheit und Ehrlichkeit ist im Umgang mit Jesus gefragt. Ich darf sein wie ich bin, ohne mich verstellen zu müssen. Wenn ich einen Sterbenden mit einem Kreuzzeichen segnen kann – gut! Wenn ich ein Gebet sprechen kann – gut! Wenn ich über die Stirn streichle oder die Hand drücke – auch gut! Doch echt soll es sein, wenn ich Jesus oder meinen Mitmenschen Gutes tun will.

Die dritte und wichtigste Begründung bringt Jesus ganz zum Schluss:
Diese Frau hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis.
Im Orient wurde der Leichnam nach einer intensiven Reinigung einbalsamiert, bevor dieser dann in ein Felsengrab gelegt wurde. Diese Salbung war die höchste Liebe und Ehre, die man einem Menschen erweisen konnte. Es ist in vielen Religionen wichtig, den Verstorbenen auch körperlich noch zu pflegen, zu waschen, anzukleiden. Schlimm, wenn man das jetzt nicht mehr kann, weil die Gefahr der Infektion zu groß ist oder die gesetzlichen Regeln das verbieten. (Für die muslimischen Mitbürger ist das in dieser Zeit schwer zu ertragen, dass sie dieses Ritual der Waschung nicht mehr vollziehen dürfen.)
Kurz vor dem letzten Mahl Jesu geschieht diese Toten-Salbung des lebendigen Jesus. Wohl ohne es zu wissen hat die Frau Jesus zum messianischen König gesalbt. Eine Art König, ganz anders als sich ihn viele gewünscht oder vorgestellt hatten: Der für die Welt sichtbare Thron dieses Messias wird das Kreuz sein und seine Krone wird als Dornenkrone auf sein Haupt gesetzt. Jesus wird nach diesem Mahl den Weg durch Leiden bis zum Sterben und Tod am Kreuz gehen.
Und so langsam fange ich an zu begreifen, wie groß das ist, was von der Frau getan wurde. So groß, dass man sich immer an sie erinnern soll, wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt.
Vielleicht hat dieses Liebeswerk der Frau Jesus die Kraft gegeben, den Weg ins Leiden zu gehen.
Ganz sicher aber ist dieses Liebeswerk ein Beispiel dafür, was Evangelium bedeutet: Nicht Worte zählen, nicht der erhobene Zeigefinger, der mahnt: Du musst, du solltest, als Christ tut man...! Sondern die Tat, die Liebestat zählt: die Liebestat, die den andern sucht und dem andern nahekommt. Das ist Evangelium! Darum soll man immer von der Frau sprechen.

III.
Ich stelle mir vor, wie der Duft des Nardenöls den ganzen Raum erfüllt: den Raum, in dem Simon sitzt, der weiß, was Krankheit bedeutet; den Raum, in dem die Jünger sitzen und es nach Angst riecht vor dem, was nun auf Jesus, auf sie zukommt;  Ich stelle mir vor, wie der Duft sich im ganzen Haus verströmt und alle schlechten Gerüche von Krankheit und Angst wegnimmt; Ich stelle mir vor, wie die  Jünger eingehüllt werden von diesem Duft und sie miteinander den Psalm anstimmen: Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang.

Ich stelle mir vor wie dieser Raum, wie meine Räume, meine Wohnung eingehüllt werden von diesem wunderbaren Duft, der ein wenig so wie Baldrian riecht und die Nerven beruhigt.
Düfte tragen Erinnerungen.
Wer weiß, welche Erinnerung der Duft der Rose bei der Pariser Bettlerin ausgelöst hat. Es hat wohl gereicht, um sich wieder daran zu erinnern, dass auch sie ein Mensch ist, der es wert ist, geliebt zu werden.
Der Duft dieses kostbaren Öls soll für immer die Erinnerung an Jesus und an diese Liebestat tragen. Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis.

 

Predigtlied: KAA 064,1-4 Lass uns den Weg der Gerechtigkeit gehen

 

Fürbittengebet

Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens,
dass ich liebe, wo man hasst;
dass ich verzeihe, wo man beleidigt;
dass ich verbinde, wo Streit ist;
dass ich die Wahrheit sage, wo Irrtum ist;
dass ich Glauben bringe, wo Zweifel droht;
dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält;
dass ich Licht entzünde, wo Finsternis regiert;
dass ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt.

Herr, lass mich trachten,
nicht, dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste;
nicht, dass ich verstanden werde, sondern dass ich verstehe;
nicht, dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe.
Denn wer sich hingibt, der empfängt;
wer sich selbst vergisst, der findet;
wer verzeiht, dem wird verziehen;
und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben.[3]

 

Vaterunser

Bitte um Segen

Der Herr segne uns und behüte uns.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf uns und gebe uns Frieden. Amen.

 

 

 

Von Sabine Meister und Gottfried Greiner aktualisierte und gekürzte Lesepredigt von
Pfarrer Wolfgang Oertel
Kirchplatz 3, 95369 Untersteinach
wolfgang.oertel@t-online.de

 


 

[1] Aus: Gottesdienst feiern.

[2] Rainer Maria Rilke (* 4. Dezember 1875 in Prag; † 29. Dezember 1926 in Valmont, Schweiz) gilt er als einer der bedeutendsten Dichter der literarischen Moderne.

[3] Nach: Franz von Assisi.

 

Lesegottesdienst für den 5. Sonntag der Passionszeit - Judika
(29. März 2020)

 

Wochenspruch

Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben als Lösegeld für viele.

Matthäus 20,28

 

Der Gottesdienst

 

Eingangslied EG 88,1-3 Jesu, deine Passion will ich jetzt bedenken

 

Eingangswort:

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes
Der Herr sei mit uns.

Judika – richte mich oder schaffe mir Recht heißt der heutige Sonntag. Dass Gott unser Leben zurecht bringen will, dass er den Müden und Beladenen aufhilft, dass er heilt, was krank ist in unserem Leben, dass er uns auf den richtigen Weg führen will, das sehen wir an seiner Passion, an seinem Leiden und seiner Leidenschaft für uns – auch und gerade in dieser besonderen Passionszeit, die wir erleben und erleiden.

 

Gebet

Herr stärke mich dein Leiden zu bedenken,
mich in das Meer der Liebe zu versenken,
die dich bewog von aller Schuld des Bösen
uns zu erlösen.
Das bitten wir dich, Herr Jesus Christus, der du mit dem Vater und dem Heiligen Geist lebst und regierst in Ewigkeit.

 

Evangelium Markus 10,35-45 - Vom Herrschen und vom Dienen

Da gingen zu ihm Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, und sprachen zu ihm: Meister, wir wollen, dass du für uns tust, was wir dich bitten werden. Er sprach zu ihnen: Was wollt ihr, dass ich für euch tue? Sie sprachen zu ihm: Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit.
Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wisst nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde? Sie sprachen zu ihm: Ja, das können wir. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke, und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde; zu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken, das zu geben steht mir nicht zu, sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist.
Und als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes.
Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.
Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.

 

Evtl. Apostolisches Glaubensbekenntnis (EG Seite 1150)

 

Wochenlied EG 97,1-6 Holz auf Jesu Schulter

 

Predigtwort - Hebräer 13,12-14

Jesus hat, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen.
Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

 

Predigt

I.

„Draußen vor der Tür“, so heißt ein Theaterstück von Wolfgang Borchert, der auch in einer notvollen Zeit gelebt hat. Der Dichter Wolfgang Borchert selbst wurde nur 26 Jahre alt. „Draußen vor der Tür“ wurde einen Tag nach seinem Tod 1947 in Hamburg uraufgeführt.

Die Hauptperson dieses Stückes ist der Kriegsheimkehrer Beckmann. Er hat ein steifes Knie und eine hässliche Gasmaskenbrille auf der Nase. Nach drei Jahren sibirischer Kriegsgefangenschaft findet er seine Frau in den Armen eines anderen. Er ist, wie es in den Vormerkungen heißt, „einer von denen, die nach Hause kommen und die dann doch nicht nach Hause kommen, weil für sie kein Zuhause mehr da ist. Und ihr Zuhause ist dann draußen vor der Tür…“

Ohne eigene Schuld und ohne eigenes Zutun hat dieser Mann seinen Platz in der Stadt – und damit im Leben – verloren.

Er irrt um diese Stadt herum, sucht verzweifelt Eingänge, einen neuen Platz, wagt ein paar Schritte durch offene Türen, um wenig später – elender noch als zuvor – wieder „draußen“ zu sein.

Es geht ihm wie einem Aussätzigen: Er ist exkommuniziert, aus dem Land der Lebendigen verbannt. Beckmann ist unansehnlich, ohnmächtig; er gehört nicht mehr dazu, ist heimatlos. Das ist kein Leben mehr. Obwohl Beckmann noch überlebt, ist er eigentlich schon tot. Seine Anklage ob der Übermacht des Todes, seine Frage, ob so ein Leben noch Sinn hat, seine Schreie verhallen am Ende des Stückes und bleiben ohne Antwort.

II.

Ausgesperrt, rausgeschmissen, vor die Tür gesetzt, vertrieben, hinausgesetzt, ausgeschlossen – das ist die Erfahrung des Kriegsheimkehrers Beckmann. Diese Erfahrung müssen Menschen immer wieder machen. „Draußen vor der Tür“ fanden sich damals nach dem Krieg viele wieder, die im Sudetenland, in Schlesien oder einem anderen Ostgebiet wohnten; von heute auf morgen fanden sie sich ausgesperrt und heimatlos.

„Draußen vor der Tür“ – finden sich die weltweit 70 Millionen Flüchtlinge vor. Menschen müssen ihre Heimat verlassen, weil sie keine wirtschaftliche Perspektive haben, weil ihr Land im Krieg versinkt, weil sie aus rassistischen oder religiösen Gründen verfolgt werden. Und die den Weg nach Europa suchen, sitzen wieder „Draußen vor der Tür“ vor, weil sie keine Hilfe finden. Sie werden „Draußen vor der Tür“ gehalten, weil die europäischen Staaten lieber an Zäunen und Mauern bauen, als an menschlichen und christlichen Lösungen.

„Draußen vor der Tür“ – finden sich Menschen immer wieder vor im sozialen Leben. Wenn Ehen zerbrechen, sitzen Partner und Kinder draußen. Getrennt von der Familie müssen sie sich neue Beziehungen aufbauen und neue Freunde suchen.

Wenn ein Unternehmen Pleite macht oder auch nur den Firmensitz verlegt, sind auch langjährige Mitarbeiter plötzlich draußen. Finde ich mit über 50 noch einen Arbeitsplatz? Reicht das Geld für die Schuldentilgung am Haus noch? Wie weit muss ich zu einem neuen Job fahren?
Und in diesen Tagen für uns: Wer wird nach der Krise an seinen Arbeitsplatz zurückkehren können? Gibt es die Firma überhaupt noch?

Kinder und Jugendliche finden sich draußen wieder, weil sie in der Klasse oder in den sozialen Medien nicht mithalten können oder aus irgendwelchen Gründen gemobbt und gemieden werden.

„Draußen vor der Tür“ – das ist verbunden mit Schmerzen, mit Alleinsein, mit dem Gefühl von überflüssig sein, oft auch mit Leid und mit Tod.
In unseren Tagen kehrt sich das „Draußen vor der Tür“ gerade um. Wir sind drinnen hinter der Tür – und damit eben auch abgeschnitten vom sozialen Leben. Das betrifft besonders diejenigen, die ohnehin allein oder hilfsbedürftig sind. Hinter der Tür spielen sich dann auch die Familiendramen, die Streitereien auf engstem Raum ab. Wir sind drinnen und doch draußen aus der Gemeinschaft, draußen aus dem sozialen Leben.

III.

Diese Erfahrung, die Menschen häufig machen müssen, nimmt auch das Wort aus dem Hebräerbrief auf.
Wir lesen noch einmal die Verse:
Jesus hat, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

In zweifacher Hinsicht nimmt der Schreiber des Hebräerbriefes die Erfahrung des „Draußen“ vor der Tür auf. Einmal im Blick auf das Leiden und Sterben Jesu. Er hat gelitten draußen vor dem Tor. Jesus ist auch einer von denen, die man nicht haben wollte, die man aus der Gemeinschaft, aus der ehrenwerten, anständigen Gesellschaft ausschließt. Für einen solchen wie Jesus gibt es keinen Platz in der Stadt, in der alles so bleiben soll, wie es immer war. Mit seinen Meinungen und Ansichten, mit seinem Anspruch und seiner Lehre stört er; deshalb muss er weg; deshalb muss er raus aus der Stadt mit ihren wohlgeordneten und gesicherten Verhältnissen.

Der andere Aspekt zielt auf die Gemeinde: Sie ist aufgefordert ihrem Herrn nach draußen zu folgen:
Lasst uns hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen; denn wir haben hier keine bleibende Stadt …

Also auch mit raus! Raus aus der Sicherheit der Stadt; raus aus den gefestigten Verhältnissen, aus dem Wohlstand; raus aus der gefestigten Rolle, aus der gesicherten Position, aus der Gruppe, die mich stabilisiert.
Christen haben hier keine bleibende Stadt; ihr Platz ist draußen vor der Tür, draußen bei dem Herrn.

Der Prediger des Hebräerbriefes nimmt gerade diese Erfahrung auf. Er ruft seine Zuhörer so eindringlich auf, Christus zu folgen und weist sie darauf hin, dass sie hier keine bleibende Stadt haben. Er mutet ihnen zu, ihre Sicherheiten, Gewohnheiten, Errungenschaften, ihren sozialen Status aufzugeben und in die Ungewissheit, das Neue, das Leiden, die Niedrigkeit hinauszugehen.

IV.

Der Hebräerbrief ist eine Predigt. Es ist eine Predigt an eine Gemeinde, die sich zwar in Notzeiten und Verfolgungen vorbildlich verhalten hat, in der sich nun aber – da sie das überstanden hat – Glaubensmüdigkeit und Resignation breitmachen. Die Leute haben sich niedergelassen; sie haben es sich bequem gemacht und eingerichtet. Sie erwarten nichts Neues mehr, leben mehr oder weniger zufrieden oder auch unzufrieden vor sich hin. Man ist sich selbst genug, ruht sich auf den erworbenen Lorbeeren aus und schließt sich ab von anderen.

Das äußere Zeichen dieser schlaffen Selbstzufriedenheit ist, dass viele es nicht mehr für nötig halten den Gottesdienst zu besuchen. Gegenüber dieser Haltung macht der Prediger klar, wo der richtige Ort der Gemeinde ist. Er fordert die Leute auf, aus diesem Lager der Selbstzufriedenheit und Glaubensmüdigkeit, der Gewohnheit und Resignation aufzubrechen und hinauszugehen vor die Tür.

Aber was erwartet die Gemeinde dann „draußen vor der Tür“? Sollen sie auch leiden? Sollen sie sich wieder der Verfolgung und der Not aussetzen? Sollen sie wieder ihren Platz verlieren und draußen ziellos umherirren?

Anders als der Schriftsteller Borchert lässt der Prediger des Hebräerbriefes seine Zuhörer nicht ziellos und sinnlos „draußen vor der Tür“ umherirren. Anders als Beckmann wird den Christen nicht zugemutet, draußen sinnlos zu leiden und einen einsamen Tod zu sterben.

Wenn die Christen rausgehen, dann gehen sie zu Christus, zu Christus, der auf Golgatha gelitten hat und gestorben ist – gelitten und gestorben, um seinen Weg der Versöhnung von Gott und Mensch zu Ende zu gehen.

V.

Wir können derzeit leider nicht in Gottesdienste gehen und als Gemeinde versammeln. Aber wir können in den Sonntagen der Passionszeit dem Leidensweg Jesus Christi auch zuhause nachdenken. Dann gehen wir auch – bildlich gesprochen - mit nach draußen an den Ort der Schmach, des Leidens und des Todes. Wir tun dies aber nicht aus Lust am Leiden oder weil wir eine Art Todessehnsucht in uns hätten; nein, wir gehen mit hinaus, weil sich da „draußen“ auch eine neue Art zu leben und ein neuer Umgang eröffnet.

Die „Stadt“ steht hier als Bild für den Bereich, in dem nach den alten Regeln gelebt wird; da gelten die überkommenen Urteile und Vorurteile, da herrschen die Sachzwänge und die festgefahrenen Vorstellungen. „Draußen vor der Tür“ aber stehen wir bei Christus, da stehen wir bei den Armen, den Leidtragenden, den Einsamen, den Alten und Kranken und Schwachen, bei denen, die drinnen nichts mehr zählen und nicht mehr gefragt sind. Und heute – wo wir physisch nicht raus können – stehen wir im Gebet bei den Kranken und Sterbenden; wir stehen im Gebet bei den Ärzten und Pflegerinnen in unseren Krankenhäusern und Altenheimen, bei den Polizistinnen auf den Straßen und öffentlichen Plätzen, bei den Verkäufern in den Supermärkten, bei den Verantwortlichen in der Regierung und den Behörden.

Wir stehen auch bei den Vertriebenen der Kriege, den Flüchtlingen aus Syrien, Iran, Afrika, den Asylbewerbern in den Flüchtlingsunterkünften und Ankerzentren, die ja nach wie vor leiden und in unserer eigenen Not leicht vergessen werden.

Wir stehen bei den Kindern, die von Erwachsenen vernachlässigt oder in den sozialen Medien ausgegrenzt werden. Wir stehen bei den Frauen, die – womöglich gerade jetzt – unter Gewalt und Demütigungen leiden.

Denen allen will Gott Recht schaffen; ihnen gilt die Versöhnung, die Christus am Kreuz erworben hat.

VII.

Der Prediger des Hebräerbriefes weist seiner Gemeinde, weist den Christen ihren Platz zu. Er sagt, dass sie keine bleibende Stadt haben, sondern auf die zukünftige Stadt Gottes zugehen. Er will die Menschen damit aus ihrer Glaubensmüdigkeit und Resignation, aber auch aus ihrer Selbstzufriedenheit und Bequemlichkeit herausrufen. Und wir werden heute herausgerufen aus der Sorge um uns selbst. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, wir haben keinen Anspruch auf ein gesichertes Leben, wir haben keinen Anspruch auf Gesundheit – und wir merken auch, wie sehr so eine Epidemie alles in Frage stellt, was bisher selbstverständlich schien – vom Toilettenpapier bis zur ärztlichen Versorgung.

„Draußen vor der Tür“ – also dort, wo die Hilfe und das Gebet gebraucht werden  - ist unser Platz. Und auch wenn sich das zurzeit für viele eher drinnen - in unseren Gedanken und Diskussionen – abspielt, dort draußen werden wir Menschen finden, die unsere Zuwendung und Hilfe brauchen. Dort werden wir Christus finden, der uns allen Recht verschafft, uns zurechtbringt und die Welt versöhnt. Wir werden die zukünftige Welt schauen, von der es am Ende der Bibel, in der Offenbarung des Johannes, heißt:

Und er wird bei ihnen wohnen und sie werden seine Völker sein, und er selbst Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein. (Offb 21,3.4)

Wer in dieser Welt draußen bei Christus steht, wird in der zukünftigen Stadt mitten drin sein bei Gott.

Amen.

 

Predigtlied: EG 79,1-4 Wir danken dir, Herr Jesu Christ

 

Fürbittengebet

Gütiger Gott,
dein Sohn hat uns gedient und sein Leben für uns gegeben.
Durch ihn bitten wir dich: Erfülle uns mit seinem Geist,
damit wir einander dienen in geschwisterlicher Liebe.

Gib den Mächtigen den Willen und die Kraft, gegen Hass und Unterdrückung vorzugehen.
Gib allen Verantwortlichen Weisheit und Umsicht in der Krise.
Stärke alle in den Krankenhäusern, Altenheimen, Behinderteneinrichtungen, in den Supermärkten und in den Transportunternehmen.
Erlöse uns von dem Wahn, die Größten sein zu müssen; bewahre uns vor Schuldzuweisungen; mache uns aufmerksam dafür, wo andere bedrückt werden – auch durch uns.

Hilf uns zu einem Miteinander, in dem einer die Last des anderen trägt.
Lass unsere Verstorbenen im Licht deiner Liebe geborgen sein.
Gütiger Gott, du erlöst uns durch die Macht der Liebe. Ihr vertrauen wir durch deinen Sohn Jesus Christus, der mit dir in der Einheit des Heiligen Geistes lebt und regiert in Ewigkeit.[1]

 

Vaterunser

 

Bitte um Segen

Der Herr segne uns und behüte uns.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf uns und gebe uns + Frieden.

 

 

Durch Sabine Meister und Gottfried Greiner aktualisierter und bearbeiteter Lesegottesdienst.
Lesepredigt von Pfarrer Gottfried Greiner
Sperberstraße 70
90461 Nürnberg



[1] Nach: Gottesdienst feiern, 381.