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Von der Verwendung von Lesepredigten und anderen Entwürfen

„Schicken Sie mir doch bitte Ihre Predigt zum Nachlesen!“

Ein harmloser Satz – und plötzlich wird’s heikel. Was, wenn die Predigt nicht ganz aus der eigenen Feder stammt? Beim gesprochenen Wort mag das noch durchgehen. Aber schriftlich? Quellenangabe? Offenheit? Oder gleich:

„Die ist aber nicht von mir, gell.“

Ist das schlimm?

Ich finde, eigentlich nicht. Trotzdem schleicht sich manchmal der Verdacht ein: Hat da jemand die Arbeit verweigert? Schließlich sollen doch alle guten Formulierungen und Gedanken mühsam am Schreibtisch erkämpft sein. Das jedenfalls legt das Gelehrtenideal des 19. Jahrhunderts nahe, an dem wir uns selbst oder andere uns gelegentlich noch messen.

Unsinn! Jede Lektorin und jeder Lektor weiß: Es kostet Stunden, sich Lesegottesdienste anzueignen, damit sie persönlich und glaubwürdig gefeiert und gepredigt werden können.

Lesen gehört dazu

Auch für alle anderen, die Predigten gestalten, gehört das Lesen von Predigten zur Vorbereitung. Rudolf Bohren schreibt in seiner Predigtlehre dazu:

„Zum Gespräch mit den Vätern und Brüdern gehört das Hinhören auf ihre Predigt. Ich bin nicht der erste, der zum betreffenden Text das Wort nimmt. Vor mir und neben mir haben andere diesen Text ausgelegt, und ich darf von ihnen profitieren.“ (S. 397)

Natürlich gibt es geistiges Eigentum. Deshalb: Natürlich Quellen notieren und nennen, bevor man ein Manuskript weitergibt. Zugleich erinnert Bohren:

„Da es in der Kirche Jesu Christi kein geistiges Eigentum gibt, habe ich die Freiheit, bei anderen zu nehmen, was mir paßt.“ (ebd.)

Mit anderen Worten: Es gibt kein geistliches Eigentum.

Die eigentliche Herausforderung

Autorinnen und Autoren von Lesegottesdiensten ringen oft damit, eine Predigt zu schreiben, die unabhängig von der eigenen Biografie und Situation vor Ort funktioniert – und dennoch in vielen Gemeinden als stimmig erlebt wird. Fast unmöglich!

Hier sind wieder die Lektorinnen und Lektoren gefragt – und alle, die mit Vorlagen arbeiten. Wer eine Predigt übernehmen will, muss sie sich zu eigen machen, also aneignen.

 

Wie geht das?

In unseren Kursen empfehlen wir den Ehrenamtlichen dazu folgenden Weg (hier in aller Kürze):

  • Persönliche Begegnung mit dem Bibelwort
  • Lautes Lesen mehrerer Predigtentwürfe
  • Entscheidung für einen Entwurf
  • Eindrücke, Gefühle und Widerstände wahrnehmen
  • Intention der Verfasserin oder des Verfassers herausarbeiten und für sich nachvollziehen
  • Streichen, was gestrichen werden kann
  • Sprachduktus dem eigenen anpassen
  • Eigene Beispiele ergänzen oder austauschen

Am Ende zählt das glaubwürdige Zeugnis

Ideal ist eine Predigt, die authentisch wirkt – getragen von einer biografischen Grundströmung. Eine Predigt, deren Zeugnis vom lebendigen Gotteswort glaubwürdig ist, weil die Person, die sie spricht, hinter den Aussagen steht.

Und Sie?

Wie halten Sie es mit fremden Predigten: Inspiration, Übernahme oder strikte Eigenleistung?

Ein Blog von Katharina Bach-Fischer, Referentin im Gottesdienst-Institut der ELKB

Literatur:

Rudolf Bohren, Predigtlehre, München 1972.

Zur Kategorie der „persönlichen“ Predigt, vgl. Wilfried Engemann, Einführung in die Homiletik, Tübingen u. Basel 2002, 232-237.