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Interreligiös erzählen und ergründen in der Kirche mit Kindern

29.06.2026 | 

In dem Roman „Herzfaden“ von Thomas Hettche fürchtet sich die kleine Hatü vor dem Kasperl in der Augsburger Puppenkiste ihrer Eltern: „Der Kasper ist böse.“ Sie weiß aber nicht warum. Als Erwachsene lässt sie in ihrem Marionettenspiel den Kasper deshalb außen vor. Eines Tages fällt ihr auf, dass der Vater den Kasper mit einer riesigen krummen Nase geschnitzt hatte. Vorbild waren dem Vater (ob bewusst oder unbewusst) antisemitische Karikaturen aus dem 3. Reich. Diese Bilder hatte die kleine Hatü mit dem Gefühl des Bösen und Unheimlichen verknüpft, so wie es damals propagiert wurde. Erst Jahrzehnte später begreift sie, dass ihre Abneigung gegen die Kasper-Figur in antisemitischen Stereotypen wurzelt, die sie bei sich selbst nie vermutet hatte.

Solche Erfahrungen sind nicht selten. Sie betreffen auch antimuslimischen Rassismus und alle anderen Formen der Herabwürdigung anderer. Wir glauben, wir hätten keine Ressentiments und ertappen uns dann doch immer wieder bei welchen. Die Kirche mit Kindern sieht es als ihre Aufgabe, Kinder von klein auf neben der eigenen Religion auch mit anderen Religionen vertraut zu machen, verschiedene Standpunkte anzusehen und zu würdigen, um Klischees und Vereinnahmungen zu verhindern.

Für eine erste Einführung eignet sich die Geschichte: „1-2-3 - Ein Vater, zwei Söhne, drei Religionen“ von Beate Brauckhoff. Sie ist im Stil von Godly Play mit einem Wüstensack erzählt. David aus Jerusalem, Abdul aus Bagdad und Timon aus Damaskus treffen sich in einer Karawanserei.  Abends sitzen sie zusammen am Feuer, stellen fest, dass sie alle an den EINEN Gott glauben. David erzählt von Abraham und Sarah und Hagar. Abdul kennt die Geschichte auch, nur ein wenig anders. Und Abraham heißt bei ihm Ibrahim und Ismael ist der Vorfahre Muhammeds. David hält fest, dass diese Geschichte aus der Tora stammt und aus Isaak ein großes Volk geworden ist. Timon glaubt, dass Jesu Christus und damit die Christen zu diesem großen Volk dazugekommen sind.

Die drei finden zu einem gemeinsamen Lachen, als sie feststellen, dass Juden, Christen und Muslime eine große Glaubensfamilie sind: aber Familien sind nicht immer einfach…

Zur Vertiefung eignen sich Geschichten aus dem Koran, die bei uns kaum bekannt sind. In der Sure 6,74-79 wird anrührend erzählt, wie Ibrahim sich dem Monotheismus zuwendet.

Ismael und Abraham legen den Grundstein der Kaaba (Sure 2,127) und stiften einen monotheistischen Kult (Sure 22.26). Die Bindung des Sohnes (ein Name wird nicht genannt) wird in Sure 37 erzählt (97-113). Hier wird der Sohn von Ibrahim in die Entscheidung einbezogen, Allahs Weisung zu folgen.

Die Sure 19 Maryam erzählt sehr zart von der Geburt Jesu. Zu dieser Geschichte gehört auch die Dattelpalme, die Maria bei der Geburt ihres Kindes kräftigt. Das Motiv der Dattelpalme stammt vermutlich aus dem Pseudo-Matthäus-Evangelium aus dem frühen 7. Jahrhundert und ist bei uns lange vergessen gewesen. In einigen Renaissancebildern taucht die Dattelpalme bei der Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten auf. In der Sure Maryam hilft sie Maria zu überleben.

Muslimische Kinder erkennen, dass viele biblische Geschichten (z.B. über Jona oder Josef im Koran) erwähnt werden, aber ganz deutlich die Kenntnis der biblischen Geschichten vorausgesetzt werden. Christliche Kinder lernen, dass Jesus im Koran anders gedeutet wird.

Hier kann nur ein Schlaglicht auf die interreligiöse Arbeit in der Kirche mit Kindern geworfen werden. So soll dieser kleine Abriss genügen, um zu verdeutlichen, wie Kirche mit Kindern den Kindern einen eigenen Standpunkt anbietet und die respektvolle Auseinandersetzung mit anderen Religionen fördert.

Ein Blog von Eva Forssman, Referentin im Gottesdienstinstitut der ELKB