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Heilungsgeschichten ohne Ausgrenzung erzählen

Neulich im Erzählzelt

Eine Erzählerin beginnt mit starken Details. Wir hören vom Stadttor in Jericho, vom bunten Treiben auf den Gassen. Nur Bartimäus, die Hauptfigur der Geschichte, bleibt blass. Erzählt wird: Bartimäus ist blind. Ganz klassisch folgt: Sein Gehör ist dafür besonders gut ausgeprägt. Von anderen Eigenschaften, Vorlieben oder Leidenschaften hören wir nichts mehr. Auch nichts von Beziehungen. „Niemand sprach mit ihm“, hören wir. Wirklich niemand? Wie hat er gelebt, eingekauft, überlebt, gelacht? Ist das noch ein klarer Fokus auf eine wundersame Heilung – oder schon ein arg verkürzter Blick auf einen Menschen?

Neulich unter einer Kanzel

Der Prediger gibt sich Mühe mit der Heilung des Gelähmten. Er beschreibt detailreich sein Äußeres und lässt ihn sogar ein paar Gedanken haben. Doch dann folgt ein bekanntes Klischee: Die Nachbarn bewundern ihn, weil er trotz seines schweren Schicksals immer so fröhlich ist.

Zum ersten Beispiel passt, was unter dem Stichwort Ableismus diskutiert wird. Die Erzählerin tappt wider allen guten Willen in eine Falle: Der sehbehinderte Mann wird fast ausschließlich über das wahrgenommen, was ihm möglich ist – oder eben nicht. Überspitzt gesagt: In dieser Erzählung erscheint eine Problemlage, kein Mensch mit Stärken und Schwächen, Leidenschaften und Abneigungen, mit allem, was ein Leben herausfordernd oder reich macht. Schade um die verpasste Chance.

Für Erzählmuster wie im zweiten Beispiel hat die australische Aktivistin Stella Young den provokativen Ausdruck „Inspiration porn“ geprägt. Gemeint ist: Behinderten Menschen wird etwas offensichtlich Alltägliches wie Fröhlichkeit oder Zuversicht als besondere Leistung zugeschrieben. Ganz so, als würden nicht alle Menschen manchmal glänzen und manchmal scheitern, sorglos oder ängstlich sein, begeistert, erschöpft oder einfach mies gelaunt. Dahinter steht (versteckt) die Vorstellung, ein Leben mit Einschränkungen oder Krankheit könne eigentlich nur traurig und letzten Endes sinnlos sein. Eine Zumutung für Betroffene.

Geschichten erzählen ist Hand- und Mundwerk: direkte Rede, innere Monologe, Bilder malen – das sind klassische Werkzeuge von Erzählerinnen und Erzählern. Dazu gehört heute aber auch, Ableismus bewusst zu vermeiden.

Eigentlich ist das keine Geheimwissenschaft. Es bedeutet vor allem, von Menschen zu erzählen: so bunt und vielfältig, fehlbar und wunderbar, warmherzig oder eigensinnig, begabt und begrenzt, wie Menschen eben sind. Das tut gut, wenn wir die alten Geschichten von biblischen Heilungen nacherzählen oder predigen. Und es passt zur Lebenswelt der Menschen heute. Aller Menschen.

Noch einmal zurück zu Bartimäus. Warum nicht einmal wie folgt beginnen?

„Morgen, Bartimäus! Mach Platz da vorne“, ruft der Bäcker schon von weitem.
„Du bist spät dran, Eli“, grinst Bartimäus. „Vielleicht bist du noch gar nicht richtig wach. Die Sesamfladen sind dir heute wohl etwas zu dunkel geraten.“
Der Bäcker lacht. „Dir entgeht wirklich nichts.“
Bartimäus winkt ab. „Keine Angst, mein Freund. Ich werde es deinen Kunden nicht verraten…“
Dass Bartimäus blind ist, kann gut erst später erzählt werden – vielleicht dann, wenn die Begegnung mit Jesus bevorsteht.

 

Ein Blog von Valerie Ebert, Referentin im Gottesdienstinstitut der ELKB