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Wann haben Sie zuletzt gespürt: Jetzt trägt die Gemeinde wirklich die Welt vor Gott? In den Fürbitten geschieht genau das. Sie sind kein liturgischer Übergang und kein „Pflichtteil“, der noch abgearbeitet werden muss. In ihnen übernimmt die Gemeinde Verantwortung – stellvertretend. Für Menschen, die selbst nicht beten können. Für Orte, an denen keine Stimme gehört wird. Für das, was uns persönlich bewegt und was die Welt erschüttert.

Theologisch betrachtet sind Fürbitten die Mitte des Gottesdienstes (Meyer‑Blanck) und Ausdruck der Würde der betenden Gemeinde (Löhe). Sie vergewissern uns – menschlich (Schleiermacher) wie geistlich (Barth) –, dass die Welt und wir nicht uns selbst überlassen sind.

Klassisch folgen Fürbitten inhaltlich meist einer Bewegung vom Großen zum Kleinen, oft orientiert an den Bitten des Vaterunsers. Bewährte Formen wie die erzählende Prosphonese, die dialogische Litanei oder die ostkirchliche Ektenie mit Kehrvers geben Struktur. Auch das diakonische Gebet mit Momenten der Stille gehört dazu.

All diese traditionellen Formen erinnern: Fürbitten sind gemeinsames Gebet. Nicht die Sprecherin oder der Sprecher betet – die Gemeinde betet. Wie aber können Fürbitten heute aktuell klar, konkret und beteiligend gestaltet werden?

Praxisbeispiele zur Gestaltung von Fürbitten

Die folgenden Impulse greifen klassische Elemente auf und führen sie weiter – mit Blick auf Verständlichkeit, Beteiligung und geistliche Tiefe.

Mit der „Zeitung“ beten – Die Welt im Gebet halten

So geht’s: Wählen Sie eine aktuelle Schlagzeile. Fragen Sie: Was tut hier „Not“? Und formulieren Sie daraus eine präzise Bitte. Dabei gilt es, wie sooft wenn es um Gebetssprache geht, zu bedenken: Weniger ist mehr – weder Gott noch die Gemeinde müssen ausführlich informiert werden.

Beispiel:
„Hitze belastet ältere Menschen – Kommunen suchen Lösungen“

Du Gott des Lebens, wir bringen dir die Menschen, die unter der Hitze leiden – besonders Ältere und Kranke. Stärke alle, die aufmerksam hinsehen und helfen, in Pflege, Nachbarschaft und Politik.

Was es bewirkt: Aktuell, alltagsnah, konkret – und dennoch offen genug, dass viele innerlich mitbeten können.

Interaktiv beten – Beteiligung ermöglichen

So geht’s: Die Fünf-Finger-Methode bietet eine einfache Struktur: Der Daumen steht für Menschen, die uns nahe sind. Der Zeigefinger für Menschen, die Orientierung geben oder Verantwortung tragen. Der Mittelfinger erinnert an das, was herausragt – auch an Konflikte und Schmerz. Der Ringfinger steht für Schwache und Kranke. Der kleine Finger für uns selbst. Zwischen den Kategorien liegt jeweils eine kurze Stille.

Beispiel:

Mit dem Daumen bringen wir Gott Menschen, die uns nahe sind…

Guter Gott, behüte unsere Familien, Freundinnen und Freunde. Stärke die Beziehungen, die unser Leben tragen.

Der Zeigefinger weist uns auf Menschen, die Verantwortung tragen…

Gott der Weisheit, schenke Weitblick und Gerechtigkeitssinn in Politik, Schule, Kirche und Gesellschaft.

Der Mittelfinger nimmt Orte des Konflikts in den Blick…

Gott des Friedens, wir denken an Länder im Krieg und an Menschen in Streit. Schenke Versöhnung und Mut zu gerechten Lösungen.

Mit dem Ringfinger schätzen wir Schwache wert…

Gott, du Stütze der Müden, tröste Kranke, Trauernde und Einsame. Lass sie Begleitung erfahren.

Mit Hilfe des kleinen Fingers sehen wir auf die großen und kleinen Dinge in unserem eigenen Leben…

Gott, Kraftquelle des Lebens, nimm unsere Sorgen und unsere Freude an. Stärke uns für unseren Weg.

Was es bewirkt: Die Gemeinde betet innerlich, aber auch mit allen Sinnen mit. Die Stille öffnet Raum. Die Struktur gibt Sicherheit – für Familiengottesdienste ebenso wie für meditative Formen.

Für besondere Anlässe beten – Politisches vor Gott bringen

So geht’s: Nehmen Siepolitische, gesellschaftliche oder lokale Anlässe wahr- und dahinterliegende Bedürfnisse ernst. Bennen Sie dabei die konkrete Situationen – ohne parteiliche Zuspitzung, aber klar im Anliegen.

Beispiel zum Jahrestag des Ukraine‑Kriegs:

Gott, du Friedensstifter und Weltenlenkerin, wir denken an die Menschen in der Ukraine, die seit so langer Zeit unter Krieg, Angst und Verlust leiden. Stärke die, die fliehen mussten, und die, die geblieben sind. Gib den Verantwortlichen Weisheit und den unbeirrbaren Willen zu gerechten Lösungen. Schaffe Frieden, wo Hass herrscht, und Hoffnung, wo Mutlosigkeit ist.

Was es bewirkt: Die Realität wird nicht ausgeblendet. Und doch bleibt das Gebet für die ganze Gemeinde mitvollziehbar.

Mit einem Lied beten – Gesang als Gebetsstruktur

So geht’s: Zu einzelnen Strophen werden Gebetsimpulse formuliert. Auf jeden Impuls folgt eine kurze Stille. Dann stimmt die Gemeinde in den Liedvers ein. Besonders geeignet sind Lieder, die Bitte an Gott richten.

Beispiel nach „Meine engen Grenzen“:

Mächtiger Gott, wir bringen vor Dich unsere engen Grenzen, wenn wir angesichts von Krieg, Ungerechtigkeit und Krisen nur noch Bedrohliche sehen. Wir bringen dir auch unsere kurze Sicht auf Dinge, die so viel größer und komplexer sind als wir…

Meine engen Grenzen, meine kurze Sicht, bringe ich vor dich. Wandle sie in Weite:
Herr, erbarme dich.

Gott, Freund und Freundin der Übersehenen, wir bringen dir Menschen, deren Leben am Rand unserer Gesellschaft stattfindet: in Armut, auf der Flucht, ohne Stimme...

Meine ganze Ohnmacht, was mich beugt und lähmt, bringe ich vor dich. Wandle sie in Stärke. Herr, erbarme dich.

Liebender Gott, du weißt, was jede und jeden von uns unsicher macht, wo uns das Vertrauen abhandengekommen ist. Du kennst die Fragen, die wir mit uns herumtrage, und unsere Ängste. Dir bringen wir sie…

Mein verlornes Zutraun, meine Ängstlichkeit bringe ich vor dich. Wandle sie in Wärme: Herr, erbarme dich.

Was es bewirkt: Hören und Singen wechseln sich ab. Die Gemeinde antwortet selbst – laut, körperlich, gemeinsam.

Mit Symbolen beten – Sichtbar, greifbar, gemeinschaftlich

So geht’s: Ein einfaches Symbol macht innere Beteiligung am Gebet sinnlich erfahrbar. Es wird zu Beginn der Fürbittenaktion eingeführt. Die Gottesdienstbesucherinnen und -besucher werden daraufhin eingeladen mit Hilfe dieses Symboles ihre persönlichen Fürbitten vor Gott zu bringen. Das Vorgehen muss gut erklärt werden. Außerdem sollte ausreichend Zeit für diese Gebetsform eingeplant werden. Im Hintergrund kann während der persönlichen Gebetsphase leise Musik gespielt werden. Zum Abschluss folgt ein kurzes allgemeines Fürbittengebet, das die Gebetsanliegen bündelt und das gewählte Motiv aufnimmt.

Beispiel (Licht‑Fürbitten):

In der Mitte: Schale mit Sand, daneben die Osterkerze. Menschen zünden für ihre Gebete Teelichter an und stellen sie in den Sand.

Barmherziger Gott, wir haben Lichter entzündet. Jedes Licht steht für ein Gebet:  für Menschen, die unsere Nähe brauchen, für Orte des Streits, für Kranke und Trauernde, für unsere Wege. Schenke Du Licht, wo Dunkelheit herrscht und Mut, wo Verzweiflung ist – von nun an bis in Ewigkeit.

Was es bewirkt: Wichtig: Das Symbol ersetzt das Gebet nicht – es verdichtet es. Diese Form ermöglicht inklusive Beteiligung ohne viele Worte. Der Raum „antwortet“ sichtbar.

Weil Fürbitten Aufmerksamkeit verdienen …

In den Fürbitten entscheidet sich, ob der Gottesdienst weltabgewandt bleibt – oder die Welt vor Gott bringt. Vielleicht sind sie der ehrlichste Moment im Gottesdienst. Hier zeigen wir, was uns wirklich bewegt. Hier treten wir als Gemeinde stellvertretend ein. Und hier vertrauen wir darauf, dass Gott hört. Darum lohnt es sich, Fürbitten Sorgfalt, sprachliche Klarheit und mutige Gestaltung zu schenken. Denn wenn Gemeinde für die Welt betet, wird Kirche hörbar. Und Hoffnung bekommt Worte.

Weiterführende Links:

https://gottesdienstkultur-nordkirche.de/liturgien/fuerbittegebet/

https://gottesdienstkultur-nordkirche.de/liturgien/interaktives-fuerbittengebet-mit-der-5-finger-methode/

https://www.velkd.de/schwerpunkte/liturgie/wochengebet/?page=1

https://www.liturgischer-wegweiser.de/gebete-und-lieder/

 

Ein Blog von Romina Englert-Rieder, Referentin im Gottesdienst-Institut der ELKB