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Wie kommen Menschen im Gottesdienst wirklich an – mit dem, was sie freut und was sie belastet? Der Eingangsteil ist dafür entscheidend. Doch oft wirken die geprägten Texte fremd. Hier gibt es neue Wege zu entdecken, die Herz und Sinne öffnen.

Sich Willkommen fühlen – das Wichtigste am Anfang

Sich im Gottesdienst willkommen fühlen, ist für viele Menschen das Allerwichtigste. Nicht umsonst gaben 81 % der in der KMU 6 Befragten als Gründe für den Gottesdienstbesuch an: „Die ganze Atmosphäre muss ansprechend sein“, was zweifelsfrei mit dem wohl und willkommen fühlen zusammenhängt. Neben einem einladenden Kirchenraum und ansprechender Musik zum Eingang ist für ein solches positives Grundgefühl wohl auch der Eindruck verantwortlich, als Person einfach da sein zu dürfen. Dieses Gefühl zu vermitteln ist gar nicht so einfach. Denn nicht jeder Mensch will am Eingang schon gleich in ein Gespräch verwickelt werden. Andere brauchen jedoch genau das. Dies sensibel wahrzunehmen ist Aufgabe von Gemeindeleitung und Gottesdienst-Teams: Was sind die Bedürfnisse der Einzelnen zu Beginn? Ruhe und Einkehr? Oder herzliche Umarmung und Aktivwerden?

In jedem Fall trägt Handlungssicherheit dazu bei, dass sich Menschen im Gottesdienst willkommen fühlen – gerade, wenn sie darin nicht geübt sind. Was brauchen die Menschen, um mit Ihnen am Sonntag sicher Gottesdienst zu feiern? Einen Ablauf? Ein Liederheft? Informationen über die Anzeigetafel? Ein Lächeln?

Raum geben für das, was bewegt

In einer zunehmend individualistischeren Gesellschaft ist es eine große Aufgabe, jeder Person Raum zugeben, für das was sie persönlich bewegt. In der klassischen Liturgie wird dafür geprägte Sprache genutzt, die nicht mehr zuverlässig bei allen Gottesdienstbesucherinnen und -besuchern verstanden wird. Eine Neuformulierung gelingt an diesem Punkt in Verbindung mit Symbolen. Denn Symbole verbinden Abstraktes mit Konkretem. Sie sprechen nicht nur den Verstand, sondern auch Gefühle, Sinne und Vorstellungskraft an. Symbole laden zur eigenen Deutung, sowie zum persönlichen Verstehen ein. Außerdem können über Symbole auch Menschen mit sprachlichen Barrieren einen Zugang zum Geschehen finden. So können Räume geöffnet werden, die es Menschen ermöglichen mit ihren Gedanken und Gefühlen im Gottesdienst anzukommen.

Praxisbeispiele

In der Praxis haben sich drei Weisen bewährt, die je nach Gottesdienstform, Gottesdienstgemeinde oder Kirchenraum in Abwandlung gut umsetzbar sind.

 

Kreativ Ankommen vor Gott

Niederschwellig, weil keine öffentliche Aktion der Besuchenden nötig, ist es die geprägte Form mit kreativen Elementen zu ergänzen und so eine neue Ausdrucksform zu entwickeln, die rezeptionsästhetisch gedacht bei den Mitfeiernden innerlich eigene Assoziationen und Anknüpfungspunkte ermöglicht.

Wir feiern Gottesdienst. Schön, dass Du da bist. Schön, dass Sie da sind.  Gott hat uns versprochen: Wo 2 oder 3 in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.

Gott ist da. Hier und jetzt. Und er lädt uns zu sich ein, mit all dem, was wir heute Morgen mit bringen:

Das, was unser Herz leicht wie eine Feder hüpfen lässt… (Feder nehmen und hoch werfen) Was uns froh und glücklich macht… Darüber können wir uns heute Morgen gemeinsam mit Gott freuen.

Aber es gibt auch Situationen, in denen sich unser Herz so schwer wie ein Stein anfühlt, wenn wir uns an sie zurückerinnern… (Stein nehmen und schwer in der Hand liegen lassen) Das was uns belastet… Auch das können wir Gott ans Herz legen.

Nimm Dir einen Moment und fühl in Dich hinein. Was beschäftigt Dich heute Morgen vor Gott? An Leichtem und an Schwerem? Du kannst es ihm in der Stille anvertrauen.

(Stille)

Gemeinsam beten wir:

Gott, wir kommen vor dich, mit dem, was unser Herz wie eine Feder hüpfen lässt und mit dem, was schwer wie ein Stein auf unserer Seele lastet.

Danke, dass Du versprochen hast in unserer Mitte zu sein. Danke, dass Du da bist und uns hörst.

Wir bitten dich: Segne Du diesen Gottesdienst, segne unsere Gemeinde und uns.

In Jesu Namen.

Partizipativ Ankommen vor Gott

Eine andere Möglichkeit stellt ein partizipatives Ritual zum Ankommen dar. Dabei gestalten die Mitfeiernden in dem eröffneten Rahmen diesen Teil aktiv mit. Die örtlichen Gegebenheiten erfordern zur Durchführung besonders Beachtung.

Wir sind hier – Große und Kleine. Miteinander wollen wir singen, von Gott hören und im Gebet innezuhalten.

Was bewegt Dich heute?

Wer mag, bringt eine Kerze hier nach vorne und zündet sie an als Zeichen für alles, was unser Leben hell macht. Für all das Licht, das schon in unserem Leben brennt…

Und gleichzeitig wissen wir auch: Wo Licht ist, gibt es auch Dunkelheit. Für das Schwere kann, wer mag, einen Stein ablegen und damit alles, was einem schwer auf der Seele lastet, Gott hinlegen.

Dafür ist jetzt Zeit. Währenddessen hören wir Musik, die zum Abschluss dieser Aktion übergeht in den Liedruf „Erleuchte und bewege uns“, in denen ihr und Sie dann gerne einstimmen können.

(Zeit zum Nachvornekommen lassen – zum Abschluss: Der Liedruf wird mehrfach gesungen als Zeichen, dass die Aktion endet.)

Beten wir gemeinsam:

Gott, Kerzen und Steine, Dank und Klage, Licht und Dunkelheit unseres Lebens haben wir vor Dich gebracht. Du weißt, was uns bewegt. Danke, dass Du da bist.

Und so bitten wir Dich: Erleuchte und bewege uns. Leite und begleite – in diesem Gottesdienst und bis in Ewigkeit.

Interaktiv Ankommen vor Gott

Gestaltet man das Ankommen vor Gott interaktiv wird ein Raum geöffnet, der auf wechselseitige Kommunikation ausgelegt ist. Das heißt konkret, dass die Mitfeiernden eine angeleitete Aktion aktiv und selbstbestimmt mitgestalten. Die größte Herausforderung  für Liturginnen und Liturgen ist dabei, den Rahmen klar zu halten und innerhalb des Gottesdienstes angemessen auf Beiträge zu  reagieren.

Herzlich Willkommen Ihnen und Euch zu unserem Gottesdienst! 

Im Psalm 126 heißt es: „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.“ (Ps 126,5)

Diese Worte erinnern uns: Freud und Leid liegen nah beieinander. So gehören auch zu unserem Leben Tränen über das, was schwer ist, und die Freude an dem, was zum Blühen kommt.

Hier vorne sind zwei Tische mit Stiften. Auf dem einen Tisch liegen Blumen und auf dem anderen Tränen. In der Mitte ist in beiden Fällen leerer Raum. Raum, den Du füllen kannst mit Deinen Gedanken.

Blume und / oder Träne können dann hier vorne zum Kreuz gebracht werden. Denn bei Gott hat beides seines Platz. Herzliche Einladung, wer mag, auf dem Weg am Mikrofon des Lesepults, seine Gedanken mit uns Allen zu teilen.

Was beschäftigt Dich heute Morgen?

TRÄNE IN DIE HAND NEHMEN – Was macht Dich gerade traurig?

BLUME IN DIE HAND NEHMEN – Was freut Dich gerade?

(Stille / Ruhige Musik)

Alles, was wir bringen – Tränen und Blumen – gehört zu unserem Leben. Gott nimmt beides und lässt daraus wachsen, was wir brauchen. Im Vertrauen darauf beten wir gemeinsam:

Gott, Du hast gehört, was uns beschäftigt… (hier könnte auf vorgetragene Anliegen eingegangen werden).

Danke, dass Du unsere Tränen und unsere Freude kennst. Gib uns die Zuversicht in unser Herz, dass mit Dir an unserer Seite aus beidem immer wieder Gutes wächst – bis in Ewigkeit.

Abschließende Praxistipps

Wenn Sie vorhaben, den Ankommensteil im Gottesdienst nun kreativ, interaktiv oder partizipativ zu gestalten, gibt es noch einige Dinge, die Sie bedenken sollten:

  • Achten Sie bei der Auswahl der verwendeten Symbole darauf, dass Sie Unsichtbares oder Abstraktes vergegenwärtigt und verständlich machen.
  • Seien Sie sensibel bei der Erklärung und Einbettung von partizipativen oder interaktiven Aktionen und lassen Sie Menschen auch die Möglichkeit, daran nicht teilnehmen zu wollen.
  • Haben Sie die Gottesdienstbesucherinnen und -besucher gut im Blick und überfordern Sie sie nicht mit zu vielen wechselnden neuen Ritualen und Formen.

Viel Freude beim Ausprobieren und entdecken, wie das Ankommen vor Gott neu gedacht und gestaltet werden kann!

 

Ein Blog von Romina Englert-Rieder , Referentin am Gottesdienst-Institut der ELKB