Zum Hauptinhalt springen

Warum Ehrenamtliche für das geistliche Leben vor Ort immer wichtiger werden

28.10.2026 | 

Über Jahrzehnte war es selbstverständlich, dass sich Menschen vor Ort sonntags zum Gottesdienst versammeln konnten. Heute verändern sich die Rahmenbedingungen kirchlicher Arbeit. Gemeinden arbeiten enger zusammen und neue Formen der Zusammenarbeit entstehen. Außerdem verändert sich die personelle Situation in vielen Regionen. Das stellt Kirchenvorstände und Pfarrpersonen vor neue Herausforderungen. Gleichzeitig bleibt das Bedürfnis vieler Menschen, sich vor Ort zum Beten, Hören, Singen und Feiern zu versammeln. Wie kann geistliches Leben auch künftig nahe bei den Menschen bleiben?

Geistliches Leben braucht Menschen, die es tragen

An vielen Orten haben Menschen bereits begonnen, Verantwortung für das geistliche Leben vor Ort zu übernehmen. Ehrenamtliche gestalten Advents- und Passionsandachten, Friedensgebete, Taizé-Feiern oder geistliche Impulse in Gruppen und Kreisen. Sie eröffnen Räume, in denen Menschen miteinander auf Gottes Wort hören, ihre Anliegen vor Gott bringen und Segen empfangen.

Viele bringen dafür schon Erfahrungen mit. Andere spüren Interesse, sind aber unsicher. Darf ich eine Andacht leiten? Was brauche ich dafür? Wie gelingt es, Menschen sicher durch eine Feier zu führen? Solche Fragen sind nachvollziehbar. Denn eine Andacht lebt zwar von einfachen Formen, aber sie entsteht nicht nebenbei. Wer öffentlich einlädt, betet, aus der Bibel liest und eine geistliche Feier leitet, übernimmt Verantwortung für andere Menschen und für die gemeinsame Verkündigung des Evangeliums.

Allen Getauften ist etwas zugetraut

Martin Luther bringt diese Überzeugung im Gedanken des Priestertums aller Getauften zum Ausdruck. Jede Christin und jeder Christ hat Anteil am Auftrag der Kirche. Alle Getauften sind berufen zu beten, Zeugnis zu geben und am Aufbau der Gemeinde mitzuwirken. Darin liegt ein großes Zutrauen. Menschen sind nicht nur Empfänger kirchlicher Angebote. Sie sind selbst Kirche. Sie bringen ihre Erfahrungen, ihre Fragen, ihre Begabungen und ihre Sprache ein.

Die Andacht als starke Form geistlichen Lebens

Gerade die Andacht bietet für ehrenamtliches Engagement viele Möglichkeiten. Sie ist keine verkleinerte Ausgabe eines Gottesdienstes, sondern eine eigenständige und bewährte Form geistlichen Lebens. Ihre Stärke liegt in ihrer Konzentration auf das Wesentliche.

Andachten können in Kirchen, Gemeindehäusern, Pflegeeinrichtungen oder an anderen Orten gefeiert werden. Sie lassen sich an unterschiedliche Zielgruppen und Situationen anpassen und schaffen auch dort Gemeinschaft, wo regelmäßige Sonntagsgottesdienste seltener werden.

Dabei muss nicht jedes Mal eine völlig neue Feier erfunden werden. Wer Andachten vorbereitet, kann auf erprobte Formen, liturgische Bausteine und bewährte Materialien zurückgreifen. Die Aufgabe besteht darin, diese verantwortlich auszuwählen, auf die jeweilige Situation zu beziehen und die Gemeinschaft durch die Feier zu begleiten. Denn öffentliche Formen geistlichen Lebens brauchen Verlässlichkeit und Sorgfalt. Befähigung gehört deshalb zum Zutrauen dazu.

Wie Ehrenamtliche dafür qualifiziert werden können

Wenn Ehrenamtliche geistliche Gemeinschaft gestalten sollen, brauchen sie Räume zum Lernen und Ausprobieren. Genau an dieser Stelle setzt das Projekt „Andachten öffentlich halten. Damit Glaube vor Ort Gestalt gewinnt“ des Gottesdienstinstituts an. Es entwickelt und erprobt Wege, wie Ehrenamtliche befähigt werden können, selbständig Andachten vorzubereiten und zu leiten. In Präsenzveranstaltungen und digitalen Lernformaten setzen sich die Teilnehmenden mit liturgischen Grundformen auseinander, machen in einem geschützten Raum erste Erfahrungen im Leiten von Andachten und reflektieren ihre Rolle in der geistlichen Gemeinschaft vor Ort.

Im Mittelpunkt stehen dabei keine theologischen Spezialkenntnisse, sondern die Fragen der Praxis: Wie eröffne ich eine Andacht? Wie lese ich biblische Texte verständlich und einladend? Wie leite ich Gebete an? Welche Rolle spielen Sprache, Präsenz und Stille? Wie entsteht ein stimmiger Ablauf? Ziel ist es, Menschen in Absprache mit der jeweiligen Kirchengemeinde Handlungssicherheit zu geben und sie in ihrer Rolle zu stärken. Sie sollen erfahren, dass sie nicht alles neu erfinden müssen und dass geistliche Leitung gelernt werden kann.

Eine Kirche, die Menschen befähigt

Wo Kirche Ehrenamtliche befähigt, Andachten zu gestalten, entsteht weit mehr als eine pragmatische Lösung für organisatorische Herausforderungen. Menschen bringen ihren Glauben, ihre Erfahrungen und ihre Verbundenheit mit dem Ort ein. Geistliches Leben bekommt zusätzliche Stimmen und neue Trägerinnen und Träger. Dazu braucht es ein gutes Zusammenspiel: Hauptamtliche begleiten und qualifizieren, Gemeinden sprechen Vertrauen aus und Ehrenamtliche übernehmen Verantwortung. So können auch unter veränderten Bedingungen Räume entstehen, in denen Menschen zusammenkommen, Gottes Wort hören, miteinander beten und sich unter seinen Segen stellen.

Die Zukunft geistlichen Lebens entscheidet sich nicht allein an Strukturen. Sie entscheidet sich dort, wo Menschen sich zutrauen, Glauben mit anderen zu teilen und geistliche Gemeinschaft vor Ort zu gestalten.

 

 

Romina Englert-Rieder, Referentin am Gottesdienst-Institut

Dr. Thomas Melzl, Referent am Gottesdienst-Institut