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Wenn Vielfalt zum Segen wird

29.09.2026 | 

„Alle sind willkommen!“

„Alle sind willkommen.“ Diesen Satz lesen wir auf vielen Plakaten und in fast jedem Gemeindebrief. Doch wie erlebbar ist diese Willkommenskultur tatsächlich im Gottesdienst? Genau hier setzt Inklusion an: Sie bedeutet mehr als eine Rampe am Kircheneingang oder das Bereitstellen einer Induktionsschleife. Inklusion fragt danach, ob alle Menschen mit ihren unterschiedlichen Fähigkeiten, Erfahrungen und Bedürfnissen wirklich teilhaben können. Das klingt zunächst selbstverständlich. Doch wer genauer hinschaut, entdeckt: Auch in unseren Gottesdiensten gibt es Barrieren, die wir oft gar nicht bemerken.

Gottesdienst für alle – und mit allen

Inklusive Gottesdienste haben die ganze Gemeinde im Blick. Menschen mit und ohne Behinderung, Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Seniorinnen und Senioren. Sie feiern gemeinsam ihren Glauben. Dabei geht es nicht darum, Unterschiede auszugleichen oder unsichtbar zu machen. Vielmehr werden sie wertgeschätzt und als Bereicherung verstanden.

Die Bibel selbst zeichnet dieses Bild von Gemeinschaft. Paulus beschreibt im ersten Korintherbrief (1. Korinther 12,12-27) die Gemeinde als einen Leib mit vielen unterschiedlichen Gliedern. Jedes Einzelne ist wichtig, keines kann auf das andere verzichten. Das Miteinander in unserer Kirche und unseren Gottesdiensten orientiert sich nicht daran, was ein Mensch Besonderes leisten kann. Denn Gott knüpft den Wert eines Menschen nicht an seine Leistung. Der Prophet Jesaja bringt das eindrücklich zum Ausdruck: „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“ (Jesaja 42,3)

Gott wendet sich dem Verletzlichen zu. Er misst Menschen nicht an ihrer Stärke oder Leistung. Jeder Mensch besitzt Würde und Wert – unabhängig von seinen Fähigkeiten und Grenzen. Niemand wird übersehen oder ausgeschlossen. Wo mit dieser Haltung miteinander Gottesdienst gefeiert wird, wird zugleich etwas von Gottes liebevollem Blick auf die Welt und uns Menschen sichtbar, spürbar und erfahrbar, denn jeder Mensch ist von Gott wunderbar gemacht. Inklusion ist deshalb nicht nur eine organisatorische Aufgabe, sondern Ausdruck des Evangeliums selbst. Sie gehört zum Kern christlichen Gemeindelebens.

Barrieren erkennen

Barrieren sind Hindernisse, durch die es Menschen erschwert wird, gleichberechtigt am Leben teilzunehmen. Nach dieser Definition werden wir in unserer Gesellschaft alle immer mal wieder durch Barrieren behindert. Sie verhindern bzw. erschweren uns das Leben.

Ein Beispiel: Termine bei Ämtern können oft nur noch online ausgemacht werden. Wer sich also mit digitalen Dingen schwer tut, steht an diesem Punkt vor einer Barriere, die er ohne fremde Hilfe nicht überwinden kann. Für manche Menschen ist das mehr als eine kleine Unannehmlichkeit. Wer wiederholt an solchen Hürden scheitert, erlebt, wie frustrierend und entmutigend Barrieren sein können.

Barrieren entstehen also nicht durch die Beeinträchtigung eines Menschen, sondern durch die Gestaltung seiner Umwelt. Deshalb beginnt Inklusion damit, Barrieren wahrzunehmen. Manche sind offensichtlich – etwa Stufen, enge Türen oder schwer erreichbare Toiletten. Andere bleiben dagegen oft unbemerkt.

Was hilft also dabei Barrieren zu erkennen? Vor allem der Austausch und die Vernetzung mit Menschen, die Barrieren selbst erleben und aus eigener Erfahrung davon berichten können. Ihre Perspektiven machen sichtbar, was anderen oft verborgen bleibt. Damit solche Erfahrungen offen geteilt werden können, braucht es Zeit, Geduld und einen sicheren, wertschätzenden Rahmen. So wird aus dem Wunsch nach Inklusion konkretes Handeln. Das ist eine wesentliche Grundlage für ein inklusives Miteinander im Gottesdienst.

Inklusion beginnt dort, wo Gemeinden anfangen, zu fragen: „Was brauchen Menschen, damit sie gut teilnehmen können?“ Und die Barrieren sind vielfältig: lange und komplizierte Sätze in Liturgie und Predigt, kleine Schriftgrößen in Liedblättern, fehlende visuelle Unterstützung, laute oder unübersichtliche Situationen, unausgesprochene Erwartungen an das Verhalten der Gottesdienstbesucherinnen und -besucher...

Verständlichkeit schafft Teilhabe

„Was willst du, dass ich für dich tun soll?“, fragt Jesus den blinden Bartimäus, der mit dem Ruf „Du Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ vorher auf sich aufmerksam gemacht hat. (Markus 10,46-52) Jesus spricht nicht zuerst über Bartimäus, sondern mit ihm. Er fragt nicht andere nach seinen Bedürfnissen und geht auch nicht davon aus, diese bereits zu kennen. Jesus wendet sich Bartimäus zu und will von ihm wissen: „Was willst du, dass ich für dich tun soll?“

Wer Menschen auf Augenhöhe begegnet, ihnen zuhört und nach ihren Bedürfnissen fragt, versteht besser, was sie für eine gelingende Teilhabe brauchen.

Und oft ist das gar nicht viel, was den Unterschied macht. Eine blinde Frau berichtet: „Mir hilft schon ein Hallo des Anderen. Dadurch weiß ich, da ist jemand. Die Person nimmt wahr, dass ich da bin. Das gibt mir Sicherheit und Orientierung.“ Ein älterer Herr im Rollstuhl erzählt: „Viel zu oft wird nur mit meiner Pflegerin gesprochen, wie eine Situation für mich geregelt werden soll. Dass die Pfarrerin mich vor dem Gottesdienst direkt angesprochen hat, wie wir es mit dem Abendmahl machen sollen, hat mich so berührt. Endlich wird einmal nicht über mich hinweg gesprochen, sondern ich werde ernstgenommen.“

Verständlichkeit schafft Teilhabe. Dazu gehört auch, eine klare und verständliche Sprache. Kurze Sätze, anschauliche Beispiele und eine gut strukturierte Liturgie erleichtern den Zugang. Unterstützende Bilder, Symbole oder Gegenstände helfen dabei zusätzlich, Inhalte mit mehreren Sinnen zu erfassen. Auch Wiederholungen sind kein Zeichen von Vereinfachung, sondern ermöglichen Orientierung und Sicherheit.

Ein Blick in die Praxis

Inklusion wird nicht erst durch große Umbauten sichtbar. Oft sind es kleine Veränderungen, die Teilhabe ermöglichen, Verständnis stärken und den Blick für unterschiedliche Bedürfnisse schärfen.

Hilfreich kann der Gedanke sein, Inhalte möglichst über mehrere Sinne zugänglich zu machen. Im Blick auf die Musik kann das bedeuten, die Bilder eines Liedes sichtbar zu machen. Zu jeder Strophe wird ein prägnantes Bild gezeigt oder ein Symbol eingesetzt, das den Inhalt aufgreift. So können Menschen dem Lied nicht nur hören, sondern auch visuell wahrnehmen. Der Musiker und Inklusionspädagoge Jochen Straub zeigt in seinen Fortbildungen und Materialien, wie mehrsinnige Zugänge die Teilhabe erleichtern.

Auch vertraute liturgische Formulierungen verdienen einen zweiten Blick. Bei der Einladung zum Abendmahl findet sich der Satz: „Schmecket und sehet, wie freundlich der HERR ist.“ Doch wie klingt dieser Satz für Menschen, die nicht sehen können? Manche liturgischen Formulierungen laden dazu ein, über ihre Wirkung nachzudenken. Hier können kleine Anpassungen helfen, ohne den biblischen Kern zu verlieren. Denkbar wäre etwa die Formulierung: „Schmecket und spüret, wie freundlich der HERR ist.“ Oder eine kurze Ergänzung: „Schmecket und sehet mit dem Herzen, wie freundlich der HERR ist.“ Solche Varianten machen deutlich, dass Gottes Nähe auf unterschiedliche Weise erfahren werden kann.

Auch die Aufforderung zum Aufstehen beim Beten kann unbeabsichtigt ausgrenzen. Nicht alle Menschen können aufstehen. Deshalb hilft eine bewusst inklusive Sprache wie zum Beispiel eine Formulierung, die verschiedene Ausdrucksformen von Würde und Gebet anerkennt: „Wir erheben uns – jede und jeder auf seine Weise – zum Gebet.“ Eine begleitende Geste des Aufrichtens kann dabei sichtbar machen: Vor Gott stehen wir als Menschen mit gleicher Würde, unabhängig davon, wie wir beten, stehen oder uns bewegen können. Diese Praxisbeispiele zeigen: Inklusion beginnt oft nicht mit großen Projekten, sondern mit einem aufmerksamen Blick auf Sprache, Bilder, Gesten und Gewohnheiten. Wer Barrieren wahrnimmt und bewusst gestaltet, eröffnet mehr Menschen die Möglichkeit, Gottesdienst als einen Ort echter Gemeinschaft zu erleben.

Beteiligung statt Betreuung

Inklusion zu leben, heißt miteinander zu sprechen. Aber Inklusion bedeutet noch mehr. Inklusion heißt auch miteinander zu planen, zu leben, zu organisieren und Gemeinde zu gestalten. Deshalb ist die Frage nach der aktiven Beteiligung besonders wichtig. Menschen mit Behinderung gehören selbstverständlich dazu und bringen sich beispielsweise mit ihren Gaben und Erfahrungen als Mitgestaltende des Gemeindelebens ein. Sie übernehmen Verantwortung, halten Fürbitten, lesen Bibeltexte, musizieren, begrüßen Besucherinnen und Besucher oder wirken an der Predigt mit.

Ein inklusiver Gottesdienst lebt davon, dass unterschiedliche Menschen Verantwortung übernehmen. Dadurch verändert sich die Perspektive: Nicht einzelne Personen werden integriert, sondern die Gemeinde gestaltet sich gemeinsam.

Eine Kirche, die Gottes Vielfalt widerspiegelt

Inklusive Gottesdienste machen sichtbar, was christlicher Glaube verkündet: Jeder Mensch ist von Gott gewollt und geliebt. Wo Menschen unterschiedlichster Herkunft, Generationen und Fähigkeiten miteinander feiern, entsteht ein lebendiges Bild der Gemeinde Jesu.

Dabei ist wichtig im Blick zu behalten, dass auch bereits kleine Schritte eine große Wirkung haben können. Nicht jede Gemeinde kann sofort alle Voraussetzungen schaffen und das muss sie auch nicht. Entscheidend ist nicht die perfekte Lösung, sondern die Bereitschaft zu lernen und sich aufeinander einzulassen.

Vielleicht beginnt Inklusion genau dort: wo wir neugierig aufeinander bleiben, nachfragen statt voraussetzen und bereit sind, voneinander zu lernen. So wird im Gottesdienst und Gemeindeleben erfahrbar, was das Evangelium verkündet: Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten, Erfahrungen und Lebensgeschichten feiern gemeinsam Gottes Gegenwart.

 

Debora Drexel, Diakonin für inklusive Kirche im Dekanat Würzburg

Romina Englert-Rieder, Referentin am Gottesdienst-Institut