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Wie werden wir zu einer einladenden Gemeinde?

Es kennt jeder. Müllers laden zu sich nachhause ein und jeder freut sich auf das Fest. Warum? Weil die Müllers es einfach draufhaben, ein rundum gelungenes Fest zu feiern. Sie denken einfach an alles. Zu Maiers geht man dagegen eher ungern. Zu steif. Zu langweilig. Zu langatmig und kompliziert ist es dort. Zu Müllers geht man immer wieder gern. Wer einmal bei Maiers enttäuscht war, wird es sich zweimal überlegen, wieder hinzugehen.

Wenn wir also zum Gottesdienst einladen und wollen, dass die Eingeladenen – sprich die Gemeinde – kommen, sollten wir uns Gedanken machen, wie wir einladen.

Ob wir eine rauschende Jahrhundertparty mit Tischfeuerwerk und sagenhaftem Büfett feiern oder zu einem netten aber gelungenen Abend rund um den Couchtisch mit Käseigel einladen, ist dabei ganz uns überlassen. Soll heißen, ob es ein klassischer Gottesdienst oder einer mit besonders kreativer Note wird, ist dem Anlass entsprechend und der Gemeinde, die eingeladen wird, zu entscheiden.

Kommunikation ist das A und O

Der Punkt ist: Der Gast, die Gottesdienstbesucherin, der Gottesdienstbesucher soll ein Erlebnis haben. Sie oder er soll sich willkommen fühlen und den Gottesdienst erleben. Dazu muss aber im Voraus klar kommuniziert werden, was erwartet einen im Gottesdienst? Wenn im Gemeindebrief oder im Schaukasten nur steht „Sonntag, 10 Uhr, Gottesdienst“, dann kann einen alles Mögliche erwarten. In der Regel denkt man dann an einen „klassischen Gottesdienst“, mit Eingangsliturgie, Psalm, Lesungen und eher bekannten Gesangbuchliedern sowie eine ausgearbeitete Predigt. Bei „Familiengottesdienst“ erwarte ich eine kreative Verkündigung und einfache Worte, Kinderlieder und dass es lauter zugeht. Bei einem „Jugendgottesdienst“ erlebe ich möglicherweise moderne Lieder von einer Band gespielt und die Verkündigung besteht vielleicht aus einem Anspiel. Und so weiter.

Auf den Spuren eines Gastes - die „Checkliste“

Ob besonderes Ereignis oder gediegene Feier, so eine Einladung braucht Vorbereitung, Also stellen wir eine „Checkliste“ auf – was man meistens für zuhause im Kopf durchgeht.

Diese Checkliste folgt den Spuren einer Person, die sich zum ersten Mal (seit längerer Zeit oder überhaupt) in einen Gottesdienst wagt. Der Vorbereitungskreis versucht sich in die möglichen Wahrnehmungen und Erwartungen des Neulings hineinzuversetzen. Damit will die Checkliste anregen, die eigene Gottesdienstfeier und ihr Umfeld bewusster und „durch die Augen des anderen“ zu betrachten.

Die Fragen wollen Anregung sein. Sicher wird es Fragen, bzw. Punkte geben, die mit Ihrer konkreten Situation vor Ort nichts zu tun haben, dann überspringen Sie diese Frage und konzentrieren sich auf die Fragen, die für Sie vor Ort interessant sind.

Wir regen an, diese Checkliste mit einem Team durchzugehen und gemeinsam ein Konzept für den Gottesdienst zu erstellen. Das kann ein Ausschuss des Kirchenvorstandes sein oder ein spezielles Team für diesen einen Gottesdienst. Beginnen Sie frühzeitig. So bietet sich die Chance den Kirchenvorstand, Gruppen und Ehrenamtliche sowie Mesnerin und Mesner einzubeziehen – falls nicht schon dabei.

Wie wirkt das Kirchengebäude von außen?

Man wird für bestimmte Dinge „blind“, wenn man sie immer sieht: Ein Gast, der schon lange nicht mehr die Kirche besucht hatte, erschrak nach dem Öffnen der Kirchentüre förmlich. Man hatte den Eindruck, als fiel er gleich wieder rückwärts heraus. Im Eingangsbereich des Anbaus standen zig Stapel von Stühlen, die man höchstens für die Weihnachtsgottesdienste brauchte. Die Pinnwand mit den Ankündigungen, war ein flatterndes Zettelchaos. Verteilschriften lagen durcheinander auf einem Tisch. Das Kerzenbrett für stilles Gedenken war voller angekohlter Streichholzreste. Dem Kirchenvorstand und dem Pfarrer fiel das nicht auf.

 

Also steht als Erstes auf unserer Checkliste: Wirken die Kirche und ihr Umfeld von außen gepflegt? Ist die offene Tür auf Anhieb zu finden? Ist gleich zu erkennen, ob und wie körperlich beeinträchtigte Personen in die Kirche gelangen können? Ist der Inhalt des Schaukastens aktuell? Sind die Informationen auch für nicht Eingeweihte verständlich? Sind die Gesangbücher in einem guten Zustand und sind noch genügend vorhanden?

Der Kirchenraum – zwischen Notwendigkeit und Atmosphäre

Als zweites betreten wir den Kirchenraum. Wir erinnern uns: mit den Augen eines Erstbesuchers!

Erst einmal bedenken wir die objektiven Kriterien. Ist die Kirche moderat temperiert, soweit Architektur, Orgel und Heizung es zulassen? Ist der Gottesdienstraum gut gelüftet? Ist der Raum angemessen beleuchtet? Also: Kann aus dem Gesangbuch gut mitgesungen werden? Wirkt die Beleuchtung, die gegebenenfalls an Altar, Lesepult und Kanzel vorhanden ist, angenehm, vielleicht sogar interessant? Auf jeden Fall aber nicht störend? In einem Fall blendete die falsch eingestellte Beleuchtung des Predigtpultes auf der Kanzel die Gottesdienstbesucher Sonntag für Sonntag, bis einmal jemand etwas sagte. Nach Monaten! Weiter: Wie schätzen Sie selbst die Sitzqualität in Ihrer Kirche ein? Gibt es Plätze für körperlich beeinträchtigte Personen, wie Induktionsschleife oder Platz für Rollstuhlfahrer? Funktioniert die Lautsprecheranlage so, dass alle Mitwirkenden gut verständlich sind?

 

Dann sind die subjektiveren Punkte dran: Der Vorbereitungskreis könnte überlegen, welches sind nach seiner Ansicht „die schönen Plätze“ in der Kirche? Gibt es Plätze, an denen man besser sitzt oder sieht als an anderen? Wohin würden man sich selbst mit Gästen setzen? Wo sitzt „man“ gerne? Und warum? Was an Ihrer Kirche gefällt Ihnen besonders gut? Worauf könnten Gäste hingewiesen werden oder was würden Sie jemandem zeigen?

Fördert der Gottesdienstraum eine geistliche Atmosphäre? Zum Beispiel in der Apsis und der Eingangsbereich, aber auch sonst im Raum: Gibt es „Störungen“, Dinge von anderen Gottesdiensten, Raumschmuck, Materialien am Schriftentisch, die da schon lange sind und den Gesamteindruck der Kirche nicht (mehr) verbessern?

Unsere Gastfreundschaft

Dann ist es so weit, die Feier beginnt bald. Wie steht es mit unserer Gastfreundschaft? Sollen die, die kommen, begrüßt werden? Eine unaufdringliche Begrüßung ist zum Beispiel möglich durch Überreichen eines Gesangbuchs und einer Gottesdienstordnung. Achtet jemand auch auf verspätet eintreffende Gottesdienstbesucher? Haben wir im Blick, dass wir auch uns unbekannte Gottesdienstbesucher ansprechen, wenn sie orientierungslos erscheinen, oder wenn sie den Eindruck vermitteln, für ein kurzes Gespräch oder eine Einladung zum Kirchenkaffee offen zu sein? Werden die Aufbrechenden am Ausgang verabschiedet? Von wem? Habe ich als Neuling die Gelegenheit, Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher, die Pfarrerin oder den Pfarrer nach dem Gottesdienst noch anzusprechen?

 

Wie können wir in unserer Gemeinde eine Haltung der Gastfreundschaft entwickeln und die Menschen zu sensibilisieren, offen und freundlich auf neue oder seltene Besucherinnen und Besucher zu reagieren? Gibt es hinterher ein Angebot, wie einen Kirchenkaffee, bei dem man ins Gespräch kommen kann? Oder gibt es sogar Interesse, an einem Predigtnachgespräch?

Der Gottesdienst – Überlegungen für Besucher vom „anderen Stern“

Wie soll der Kontakt zur Gemeinde und den Gästen hergestellt werden? (z.B. in der Begrüßung? Wieviel Nähe und wieviel Distanz sind da passend?)

Das Verhalten im Gottesdienst der routinierten Gottesdienstbesucherinnen und -Besucher wirkt für manche, die selten kommen, anstrengend. Wenn ich als seltener oder gar neuer Besucher oder Besucherin mich gar nicht auskenne, fühle ich mich eventuell wie von einem anderen Stern. Wann soll ich aufstehen, mich hinsetzen? Kann ich das Glaubensbekenntnis und Vaterunser auswendig? Gibt der, der den Gottesdienst leitet notwendige und dezente Hinweise, was nun folgt, wie sich zu Verhalten ist?

Welche Hilfen können dazu gegeben werden?

Soll ein agendarischer Gottesdienst oder ein Gottesdienst in besonderer Form oder ein agendarischer Gottesdienst mit besonderen Elementen gefeiert werden? (z.B. Beteiligung von Chor, Band oder anderen Gruppen, ein Anspiel in der Predigt oder eine szenische Lesung, usw.) Wer soll die Lesung an diesem Tag machen? Soll die Verkündigung auf besondere Situationen eingehen oder nicht? Soll in diesem Gottesdienst Abendmahl gefeiert werden oder nicht? Wenn ja: Muss etwas erklärt oder den Gästen an die Hand gegeben werden, ein Ablauf der Abendmahlsliturgie?

Soll es im Anschluss ein kommunikatives Element geben? Ein Zusammensein am Bistrotisch, Kirchenkaffee oder ein kleiner Empfang fördert das Kennenlernen und das sich Näherkommen.

Soll etwas mitgegeben werden? Eine Postkarte der Kirche, eine Kleinigkeit, die einen freut?

Musik wird angenehm empfunden, wenn …

Welchen musikalischen Stil soll der Gottesdienst haben? Wird ein einheitlicher Stil gewählt? Oder ein Mix, der wie genau aussieht, damit es passt? Orgel, Kirchenchor, Posaunenchor, Kinderchor, Band, Gospelchor, Musikgruppe, Soloeinlagen.

Es ist ratsam sich das alles einmal für seine Kirche, seine Gemeinde grundsätzlich zu überlegen. Ja, das ist ein Blog von „Back to church“/“Gottesdienst erleben“. Aber gelten diese Überlegungen nicht immer, bei jedem Gottesdienst?

Ein Blog von Martin Bek-Baier, Referent im Gottesdienst-Institut der ELKB